Romeo und Julia

Boris Blachers Vertonung von Shakespeares „Romeo und Julia“ ist nicht nur im zu Vergleich Charles Gounods französischer Oper „Roméo et Juliette“ spannend, die sich seit einem Jahr im Repertoire der Deutschen Oper am Rhein befindet. Mitten im Zweiten Weltkrieg – die Opernhäuser lagen in Trümmern – schuf Blacher 1943/44 eine Kammeroper, die in ihrer Ausgespartheit ein kleines Wunder ist. Er konzentrierte und verdichtete den Stoff auf seine Essenz – auf das Schicksal von Romeo und Julia. Eine tragende Rolle übernehmen dabei der Solistenchor und ein Chansonnier, die das Scheitern dieser großen Liebe immer wieder kommentierend brechen und begleiten. Regisseur Manuel Schmitt, der u.a. bereits bei den Opernfestspielen der Bayerischen Staatsoper, am Staatstheater Nürnberg, am Theater Trier und am Musiktheater im Revier inszenierte, erarbeitet mit „Romeo und Julia“ erstmals eine Produktion für die Deutsche Oper am Rhein.

 

Premiere: 19. Dezember – Opernhaus Düsseldorf
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IM GESPRÄCH MIT REGISSEUR MANUEL SCHMITT

Interview aus dem Programmheft

Zu den Projekten, die Sie inszeniert haben oder in naher Zukunft inszenieren werden, gehören einige wenig bekannte Adaptionen bekannter Literaturklassiker wie Saverio Mecadantes „I briganti“ („Die Räuber“), Rossinis „Otello“ – und nun auch Boris Blachers „Romeo und Julia“. Was reizt Sie an der Erarbeitung solcher Opernraritäten?

Es ist für mich als Regisseur zunächst immer spannend, sich mit den großen Stoffen der Weltliteratur auseinanderzusetzen, die nicht ohne Grund bis heute überlebt haben. Ich finde es faszinierend, diesen berühmten Stoffen auch einmal in seltener gespielten Vertonungen begegnen zu dürfen statt in dem bekannten Rahmen, denn es gibt mir die Chance, die altbekannte Geschichte ganz neu erforschen, sozusagen durch die Lupe des Komponisten zu betrachten. Jeder kennt „Romeo und Julia“, aber die wenigsten Leute kennen Blachers Version davon. Das Stück ist noch nicht mit Erwartungen behaftet. Obwohl man den Stoff vielleicht schon von der Schauspielbühne kennt, eine Verfilmung gesehen oder eine andere Opernvertonung davon gehört hat, ist diese Version für uns als Aufführende, genauso wie für das Publikum ein neuer Blick auf den Stoff.

Für viele gilt William Shakespeares „Romeo und Julia“ als die größte Liebesgeschichte aller Zeiten. Was fasziniert Sie an dieser Geschichte?

Es ist definitiv die größte Liebesgeschichte aller Zeiten! Die Liebe alleine ist für mich jedoch nicht spannend. Mich interessiert vor allem das Drumherum: Was macht diese Liebe speziell? Was bedroht sie? Woran muss sie scheitern? Die Liebe entbrennt bei „Romeo und Julia“ an einem Ort, wo sich zwei verfeindete Parteien, die Häuser Montague und Capulet, in Feindschaft und Hass gegenüberstehen. In Shakespeares Verona schwelt ein Konflikt, der in den ersten Szenen des Dramas wirkungsvoll aufgebaut wird und Diener und Herren, junge und alte Leute, Frauen und Männer gleichermaßen ergreift. Und plötzlich kommen da zwei vollkommen unbedeutende Figuren – ein Junge und ein Mädchen – und anstatt diesen Hass fortzusetzen, entbrennen sie in einer beinahe übernatürlichen Liebe zueinander. Diese Spannung zwischen Hass und Liebe und wie die Liebenden an der Welt in der sie leben zugrunde gehen müssen, finde ich besonders spannend! Man kann bei Shakespeare und auch bei Blacher herauslesen, dass diese Liebe schicksalhaft notwendig ist, um den Streit zwischen den Familien beilegen zu können. Die Auswirkungen dieser Liebe sind bei Shakespeare genauso enorm wie die Liebe selbst: Durch ihr Opfer schaffen es Romeo und Julia, einen Frieden in die Welt zu bringen, der ohne sie gar nicht denkbar gewesen wäre. Dieser Aspekt war auch Boris Blacher sehr wichtig, der als einer von ganz wenigen Komponisten der Versöhnung der beiden Familien szenischen Raum gegeben hat.

Welche Schwerpunkte setzt Boris Blacher noch in seiner Vertonung?

Blacher komponierte seine Version von „Romeo und Julia“ in den Kriegsjahren 1943/44, als die Opernhäuser zerbombt und die großen Werke Wagners oder Strauss‘, die auch zu jener Zeit sehr beliebt waren, schlichtweg nicht mehr aufführbar waren. Auf diese Umstände hat Blacher sich ganz pragmatisch eingestellt, indem er ein Werk komponierte, das mit einfachsten Mitteln umsetzbar wäre. Aber auch inhaltlich spielen die Kriegserfahrungen mit in seine Oper hinein: Ein Werk des britischen Nationaldichters Shakespeare zu vertonen, während die englischen Truppen deutsche Städte bombardieren – das allein ist schon eine starke Botschaft! Und dann wählt er auf dem Höhepunkt des 2. Weltkriegs ausgerechnet eine Geschichte über Liebe in Zeiten eines ewig andauernden, alles um-spannenden Konfliktes und bezieht sogar ganz konkret Position, wenn er gleich nach dem Prolog mit einem eindringlichen Friedensappell – dem Chor „Friedensfeinde, die ihr den Stahl mit Nachbarblut entweiht!“ – seine Oper eröffnet. Man kann das ganze Werk also durchaus als eine große Antikriegsparabel lesen und das ist vermutlich auch ein Grund, warum die Oper erst 1946, nach Kriegsende, uraufgeführt werden konnte.

Auf welche Weise nähern Sie sich Blachers Version des Stoffes?

Wir haben das Stück in unserer Setzung auf einem Kampfschauplatz angesiedelt, in einem eher „aggressiven“ Raum, der Assoziationen zu einem Boxring oder dem römischen Kolosseum zulässt. Romeo und Julia werden in eine Welt geworfen, die sie nicht selbst geschaffen haben, sondern die stark von den Konflikten ihrer Väter und Großväter geprägt ist. In dieser Arena müssen die beiden für ihre Liebe kämpfen… noch einmal eine andere Form des Kampfes. Blacher reduziert die Geschichte radikal auf ihre Essenz. Alles für ihn nicht absolut Notwendige lässt er weg - musikalisch, szenisch und auch in der Auswahl des Textes. Er baut sehr kurze Szenen von maximal 3 Minuten Länge, um dann schlagartig durch wahnsinnig schnelle Impulse die Figuren von einer Szene in die nächste zu werfen. Beim Erarbeiten dieser Oper habe ich festgestellt, dass diese Reduktion kaum Raum lässt für einen übergeordneten Kontext. Für Umbauten gibt es zum Beispiel keine Zeit, aber eben auch gar keine Notwendigkeit, weil sich alle Situationen allein durch die Interaktion der handelnden Figuren ergeben. Uns war es wichtig, das Stück nicht gegen seinen Charakter „aufzublähen“, sondern Blachers Weg der Reduktion mitzugehen und uns mit ihm ganz auf die Essenz der dargestellten Emotionen und Situationen zu einzulassen.

Welche Rolle spielt der Chor in diesem Geschehen?

Blacher konzentriert dieses Stück extrem auf Romeo und Julia. Das Liebespaar steht im Vordergrund, alle anderen Figuren wirken wie verdrängt in einen Chor, aus dem sich auch solistisch einige Rollen (die Mutter, die Amme, etc.) herauslösen.

Dieser Chor ist neben Romeo und Julia der dritte große Protagonist dieses Abends, besitzt jedoch keine durchgehende dramaturgische Funktion, sondern übernimmt je nach den Erfordernissen der Handlung die Rolle des Pater Lorenzo, Mercutio, der Amme oder Mutter. Dadurch wird er zu einer Art „Schicksalschor“, der das Geschehen mal mitfühlend, mal warnend als Zuschauer begleitet, dann jedoch wieder manipulativ in die Handlung eingreift und das Paar gezielt ins Unglück führt. Romeo und Julia sind dieser Gruppe von Menschen in ihrer „Schicksals-Arena“ hilflos ausgeliefert.

Zu dieser künstlerischen Überformung des Shakespeare-Stoffes tritt noch ein weiteres gestalterisches Element in Form von drei Chansons, die jeden der drei Akte der Oper eröffnen…

Der Chansonnier, der von einer Frau oder einem Mann gesungen werden kann, steht wie außerhalb der Handlung und berichtet aus dieser Perspektive frei über das, was in der Oper passiert, indem er uns beispielsweise bereits im Prolog – die gesamte Oper ist auf original Shakespeare Text komponiert – über den tödlichen Ausgang des Stückes informiert. Musikalisch bringt er eine ganz neue Farbe in den Abend ein: einen jazzigen, verrucht- verrauchten 40er Jahre-Cabaret-Stil, mit dem er Shakespeares tragische Liebesgeschichte ironisch kommentirt und damit zum schillernden Conférencier des Abends wird.

ÜBER BORIS BLACHER (1903 – 1975)

Text von Dranaturgin Anna Grundmeier

Boris Blacher wird 1903 in der chinesischen Hafenstadt Niuzhuang (heute: Yingkou) als Sohn eines adligen deutsch-baltischen Bankdirektors geboren. Durch den Beruf seines Vaters zu häufigen Ortswechseln gezwungen, wächst der junge Blacher wie selbstverständlich mit einer Vielzahl unterschiedlicher Sprachen auf, lernt unter anderem deutsch, englisch, italienisch, russisch sowie verschiedene chinesische Dialekte. Eine umfassende musikalische Ausbildung ergänzt die schulische Erziehung und weckt früh seine Begeisterung fürs Theater. Für das Opernhaus der chinesischen Eisenstadt Harbin arrangiert der 16-Jährige bekannte Opern wie „Tosca“ für das vorhandene Instrumentarium neu.

1922 übersiedelt Boris Blacher mit seiner Mutter von Sibirien nach Berlin, wo er den Rest seines Lebens verbringen wird. Auf Wunsch seines Vaters beginnt er zunächst ein Architekturstudium, das er jedoch 1924 abbricht, um sich vollständig der Musik zu widmen. In der brodelnden Unterhaltungskultur des nachkriegsgeprägten Berlin verdient er seinen Lebensunterhalt u.a. als Notenkopist, Harmoniumspieler in Berliner Kinos und musikalischer Mitarbeiter des Tanzreformers Rudolf Laban. Der Tanz sowie die allgegenwärtige Jazz-Begeisterung prägen auch seine ersten Schritte als Komponist. Neben einer Reihe von Unterhaltungsschlagern entsteht in dieser frühen Schaffenszeit auch Ernste Musik wie die „Jazz-Koloraturen“ (1929). Diese modernen Klänge verbindet der zeitlebens experimentierfreudige Schach-Liebhaber Blacher mit anderen zeitgenössischen Einflüssen wie der Musik Strawinskys zu einem stark rhythmisch geprägten Personalstil (dem Kritiker vorwarfen, es fehle ihm „deutsche Tiefe“).

Nach der Machtergreifung der Nationalisten 1933 kann er als Staatenloser zunächst ungehindert seine Karriere als Komponist verfolgen. Seinen Durchbruch erlebt Blacher 1937, als der berühmte Dirigent Carl Schuricht seine „Concertante Musik“ mit den Berliner Philharmonikern zur Aufführung bringt. Kurz darauf folgt er dem Ruf Karl Böhms als Leiter einer Kompositionsklasse am Dresdner Konservatorium, muss die Stelle jedoch bereits 1939 wieder aufgeben, weil er sich – dank seiner weltläufigen Erziehung mit einer „Skepsis gegenüber allen Postulaten mit Ausschließlichkeitsanspruch“ ausgestattet – für „entartete“ Komponisten wie Arnold Schönberg, Paul Hindemith oder Darius Milhaud engagiert. Bewusst stellt sich sein kompositorisches Schaffen jener Tage in Opposition zu der überwältigenden Klanggewalt eines Richard Strauss. Die stilistische Kargheit, die der als „Vierteljude“ klassifizierte Boris Blacher ab den letzten Kriegsjahren kultiviert, zielt auf die Zertrümmerung des Pathos und weist der Klassischen Musik nach 1945 den Weg in die Zukunft.

Zugleich versteht es Blacher wie kein Zweiter im zerbombten (Nachkriegs-)Deutschland, pragmatisch „materielle Not in kunstimmanente Notwendigkeit umzumünzen“ – oder in seinen eigenen Worten: „Mit der Oper, mit dem Konzert, das ist alles zum Teufel, denn die Häuser sind kaputt, Geld wird’s keins geben, also schreiben wir Kammeropern“ (Alle Zitate nach: Boris Blacher 1903-1975, Dokumente zu Leben und Werk, Berlin 1993.). Den musiktheatralischen Auftakt zu dieser Phase musikalischer Reduktion macht 1943/44 seine Kammeroper „Romeo und Julia“ für gerade einmal 8 Solist*innen, einem 9-köpfigen Orchesterensemble und kleinem Chor. Nach der Shakespeare-Vertonung reüssiert Blacher mit Zeitopern wie der Rundfunk-Oper „Die Flut“ (1946), der Kriminaloper „Die Nachtschwalbe“ (1947) oder der „Abstrakten Oper Nr. 1“, deren Uraufführung 1953 am Mannheimer Nationaltheater einen veritablen Skandal verursacht. 1963 erforscht er in der Oper „Zwischenfälle bei einer Notlandung“ die künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten elektronischer Musik, die ihn über viele Jahre beschäftigen sollte.

Seinen stilistischen Nonkonformismus bewahrt sich Blacher auch in seinem übrigen Schaffen, das Ballettmusik, Chor- und Instrumentalkonzerte, Kantaten, Sinfonien, Kammermusik und Lieder umspannt.

Neben seinem Erfolg als Komponist spielt Boris Blacher bis zu seinem Tod eine maßgebliche Rolle im kulturpolitischen Leben des Nachkriegsberlins, zunächst als Lehrstuhlinhaber an der heutigen Universität der Künste, von 1953-1970 als deren Präsident. Zudem bekleidet er verschiedene kulturpolitische Ämter der Hauptstadt, und war von 1968-1971 Präsident der Akademie der Künste.

Zahlreiche Schüler wie Aribert Reimann, Werner Egk und Gottfried von Einem würdigen Boris Blacher als ausgezeichneten Pädagogen.

 

>> Beim Klick auf diese drei Bilder öffnet sich jeweils ein kurzer Film mit Probeneindrücken und Interviews mit Regisseur Manuel Schmitt, Dirigent Christoph Stöcker und den Solist*innen Jussi Myllys und Paula Iancic:

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