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Von der Gastspielreise des Balletts am Rhein nach Taiwan (27.02. bis 12.03.2019) berichtet Pressesprecherin Monika Doll.

 

Back in the Dorf

Tag 13 & 14 // 25 Stunden und viele, viele Meilen später: Wir sind gut wieder in Düsseldorf gelandet. Ziemlich nett: Cathay Pacific hat uns während der knapp 13 Stunden Flug von Hongkong bis Frankfurt schonmal auf die hiesigen Temperaturen eingestimmt. Wie gut, dass Mütze und Schal im Handgepäck waren... Zusätzliche Wärme spendete in meinem Fall der groß gewachsene asiatische Sitznachbar, der rasch und ausdauernd in den Schlaf fand und in Zeitlupe auf meine linke Schulter sank.

Anstrengend war es, aber die Stimmung vorhin beim Abschied war bestens. Die vielen Eindrücke, die große Begeisterung unseres taiwanischen Publikums, das intensive Miteinander, das gemeinsam Geschaffte hat alle enger zusammengebracht.

Und so bleibt mir nur noch, ein dickes Dankeschön zu sagen, an alle, die die letzten 14 Tage zu dem gemacht haben, was sie waren: Oliver Königsfeld, Alban Pinet und dem Balletthausteam für die wahnsinnig komplexe und tolle Organisation, den Tänzerinnen und Tänzern samt Ballettmeistern und Pianisten für wunderbare Vorstellungen, Proben, Classes und Masterclasses, Martin Schläpfer für seine Kreation, die nun schon an so vielen Orten begeistern konnte, und seine unermüdliche Energie, unserem Ballettdirektor Remus Sucheana für die Unterstützung, unserer Inspizientin Florine Roques-Rogery, unserer Technik- und Beleuchtungscrew, den Kolleginnen und Kollegen aus der Kostüm- und der Maskenabteilung, unserem Physiotherapeuten Husan Usmanov und dem ganzen riesigen Orga- und Technikteam in Kaohsiung und Taichung, das uns wie mehrere Mütter und Väter gleichzeitig auf Schritt und Tritt betreut hat.

Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll
Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll

Und ein großer Dank geht an meinen technischen Support in Düsseldorf: Daniel Senzek, der meine Texte und Bilder überhaupt erst in Blogform gebracht hat und aus meinem Team Jens Breder, Tanja Brill und Anne do Paco, die darüber gewacht haben, dass keine Schreibfehler und kein Blödsinn Ihr Lesevergnügen trüben.

Wir hoffen, Sie hatten viel Freude mit dem Reiseblog. Thank you for travelling with Ballett am Rhein!

 

Wir haben fertig

Tag 12 war ein ziemlich emotionaler Tag. Das volle Programm der letzen Wochen, die tausend Eindrücke, der andere Zeitrhythmus, das Leben aus dem Koffer, das Klima und überhaupt alles hat uns ziemlich geschafft. Beim Frühstück gab es entsprechend ziemlich viele müde Gesichter und eine lange Schlange am Kaffeeautomat.

Zur letzten „7“-Vorstellung unseres Taiwan-Gastspiels geben dann alle noch mal richtig Gas. Während Martin Schläpfer mit Eduardo Boechat am Piano in seiner Class kurz vor Vorstellungsbeginn bei der Compagnie sämtliche Energien mobilisiert, steht der coolste aller Dirigenten mitten im Gewimmel des riesigen NTT-Foyers und erzählt in taiwanischer Ruhe und Ausführlichkeit über die Komposition Mahlers, Martin Schläpfer und das Ballett am Rhein. 14:15 Uhr – ich werde nervös. Er wird doch wohl die Uhr im Blick haben? Pünktlich um 14:30 Uhr (es ist ja Sonntag) Stille im Zuschauersaal, und Wen-Pin Chien lässt die farbenreiche siebte Sinfonie Gustav Mahlers beginnen. Es folgen knapp 1 1/2 Stunden höchster Konzentration auf allen Seiten, und dann rollt die überbordende Begeisterung unseres taiwanischen Publikums über die Tänzerinnen und Tänzer, über Wen-Pin Chien und das National Taiwan Symphony Orchestra, über Martin Schläpfer und über uns alle hinweg bis in den hintersten Winkel der Seitenbühnen. Und stimmt so glücklich, dass manche froh sind, als der letzte Vorhang endlich fällt und die Tränen der Erleichterung, des Glücks und des Abschieds kullern dürfen.

Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll

Die deutsch-taiwanische Technik- und Beleuchtungscrew bleibt derweil ganz geerdet. Es ist wirklich so: In dem Moment, in dem der Zuschauersaal endgültig hinter dem Vorhang verschwindet, beginnt auf der Bühne der nächste Teil der Vorstellung. Das Licht geht an, Werkzeuge klimpern, und aus allen Ecken strömen zielstrebig Scharen von Menschen, die genau wissen, was in welcher Reihenfolge zu tun ist. Scheinwerfer werden demontiert, Kabel aufgerollt, das Bühnenbild abgefahren und weggeschleppt und, und, und. Binnen kürzester Zeit ist im wahrsten Sinne des Wortes der ganze Zauber verschwunden und in diesem Fall sogar wind- und wellenfest in Seefracht-Containern verstaut.

 

Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll
Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll
Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll

Jetzt noch einmal schlafen mit dem Sound des zehnspurigen Taiwan-Boulevards im Ohr, und dann geht's in kleinen Etappen wieder Richtung Düsseldorf. Wir freuen uns!

 

Must Do in Taichung

Tag 11 // Gerade fällt mir der Papierstapel in die Hände, den uns unsere Gastgeber zur Begrüßung überreicht haben. Mit beiden Händen übrigens, das ist extrem wichtig bei der Weitergabe von Dingen. In jedem kleinen Supermarkt wird einem das Geld feierlich mit beiden Händen abgenommen und das Wechselgeld eben so aufmerksam überreicht. Ich finds schön. Das Beidehänderitual gilt auch für den total angesagten Austausch von Visitenkarten. Man bekommt eine Karte mit beiden Händen und überreicht die seinige mit beiden Händen. Und dazwischen – auch ganz wichtig und auch eigentlich wieder sehr schön – studiert man aufmerksam die Karte des anderen, kommentiert, fragt nach, oder freut sich einfach.

Heute – sehr lustig – hatten wir Besuch von japanischer Tanzpresse. Vormittags eine Pressekonferenz mit Martin Schläpfer und nach der Vorstellung Interviews mit den vier japanischen Mitgliedern unserer Compagnie: Yuko Kato, Azuka Morgenstern, Tomoaki Nakanome und Marié Shimada. Wieder eine ganz andere Sprachmelodie für meine Ohren und wieder ganz andere Umgangsformen. Extrem hierarchiebetont und unendlich höflich. Eigentlich ging so ziemlich alles schief, was mit der Raumorganisation zu tun hatte – kein Problem. Entsprechend holperte es mit den Getränkesituation. Auch kein Problem. Lange Wege im Theater, und immer wieder gern genommen: das Nach-Ihnen! Fast unmöglich, alle in einen Aufzug zu bekommen, ohne irgendwelche Anstandsregeln verletzt zu haben und trotzdem den Verkehr über die Maßen aufzuhalten.

Martin Schläpfer und japanische Pressevertreterinnen
Foto: © Monika Doll
Martin Schläpfer und japanische Pressevertreterinnen
Foto: © Monika Doll

Aber zurück zu den Papierbergen: Morgen ist unsere letzte „7"-Vorstellung in Taiwan, dann wird alles eingepackt und verladen, und dann ist frei, bis uns am Montagnachmittag der Bus zum Flughafen bringt. Gut 20 Stunden abzüglich Schlaf, Frühstück und Kofferpacken wollen also unwiederbringlich schön und landestypisch verbracht werden. Im Welcome-Heftchen findet sich ganz hinten eine Auflistung von „Must Do in Taichung“, und bei Punkt 3 muss ich mein Wörterbuch bemühen: „The snacks in the night market will make you drool." Drool?

drool Verb (drooled, drooled)
sabbern
seltener: geifern

Nein! Ich widerspreche entschieden. "Goggle" wäre meines Erachtens die treffendere Formulierung gewesen:

goggle Verb (goggled, goggled)
stieren
seltener: starren, glotzen, staunen

Oder müssen Sie sabbern, oder im selteneren Fall gar geifern, wenn Sie frittierte Entenköpfe entdecken oder sauber aufgefädelte Zungen von was auch immer, oder den wunderbaren berühmten taiwanischen Stinktofu, oder, oder? Ich glaube, ich entscheide mich für die Besichtigung eines Matzu Tempels. Klingt safe.

Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll
Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll

Achso, unsere erste Vorstellung im National Taichung Theater heute: supergut angekommen. Thank you, dear dancers and thank you Taichung!

Premierenapplaus in Taichung
Foto: © Monika Doll 
Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll

 

Happy Friday

Tag 10: Heute gab es ein extrem freudiges Wiedersehen für mich. Vor drei Tagen hatte ich bei unserer Busfahrt von Taipeh nach Taichung meine norwegische Regenjacke im taiwanischen Bus liegen lassen und mich geärgert und mit mir geschimpft und wieder Frieden geschlossen und mir angesichts des Dauerregens auf dem Nachtmarkt für 30 New Taiwan Dollar Cent - etwa einen Euro - einen gelben Sack mit Ärmeln gekauft, was immerhin sehr zur Erheiterung der Kollegen beitrug und zu einem spontanen Gruppenfoto mit ebenfalls gelb besackten Asiatinnen führte. Und nun ist sie wieder da, hat den Weg zu mir ins Theater gefunden - und prompt haben sich die Wolken verzogen, und es gab einen strahlend blauen Nachmittagshimmel mit Sonnenschein.

Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll
Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll 

Für die Probenarbeit ist das Wetter egal. Im Bauch des Theaters ist es immer gleich halbdunkel und meistens schön warm. Und im National Taichung Theater ist man auch akustisch wohltuend abgeschnitten von der pausenlosen Geschäftigkeit da draußen. Paukenklänge, Harfentöne und Dudelsack nehmen mich mit in Gustav Mahlers reiche Welt, und die Geschichten, die die Tänzer mit ihren Körpern erzählen, werden ohnehin nie langweilig. Eine schöne Generalprobe mit dem National Taiwan Symphony Orchestra, thank you, dear dancers! Das einzige, was sich für mich in Endproben immer ein bisschen schmerzhaft und ungerecht anfühlt: die Verneigungen der Tänzerinnen und Tänzer (auch das eine kleine Choreographie, die geübt werden muss) ohne das Echo des Applaudierens und der Begeisterung aus dem dunklen Saal. Morgen!

Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll
Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll

 

Draußen nass, drinnen Proben

Usselswetter in Taichung. Nach den sommerlich-schwülen Tagen in Kaohsiung und Taipeh zeigt sich das Wetter an unserer letzten Gastspielstätte solidarisch mit dem in der fernen Heimat. Die Klimaanlage im Hotelzimmer springt trotzdem stoisch auf 17°, sobald man das Zimmerkärtchen eincheckt. Nein! Aus! Bemützt sitzt mancher Tänzer schon beim Frühstück, um sich bloß auf den letzten Metern keine Erkältung zu holen.

Tag 9 startete mit einer Pressekonferenz im National Taichung Theater, penibelst auf die Minute durchgeplant von den Kolleginnen und schnell einvernehmlichst in den Spontanmodus umgeswitcht: es gab viel zu viel zu erzählen, um sich an genaue Taktungen zu halten, und Martin Schläpfer musste so viele neugierige Fragen beantworten, dass für einen Besuch der Class und das Anschauen des Trailers keine Zeit blieb. Und alles natürlich wieder auf Mandarin-Englisch-Mandarin. Zum Schluss dann eine Mandarin-Videobotschaft von Wen-Pin Chien, der aus einer Probe zugeschaltet war und offenbar wieder witzige Dinge zu berichten hatte. Fast klingt es schon vertraut...

Joyce Y. Chiou, Martin Schläpfer
Foto: © Monika Doll
Martin Schläpfer
Foto: © Monika Doll

Vor der ersten Bühnen-Orchesterprobe mit dem National Taiwan Symphony Orchester standen erstmal Proben für b.39 auf dem Plan. Die Zeit bis zur Premiere in Düsseldorf am 12. April rennt, und so hört man auf den Fluren des Theaters nicht nur Mahlers Siebte, sondern auch die Violinenduos von Béla Bartók, zu denen Martin Schläpfer sein neues Stück "44 Duos" kreiert. Auch an Hans van Manens "Dances with Piano" wird fleißig gearbeitet. Dann Beleuchtungsprobe, Platzierungsprobe und schließlich die erste Probe mit dem Orchester.

Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll

Auch in Taichung gibt es mit uns wieder eine Premiere: Wir sind die erste Ballettcompagnie, die mit Live-Orchestermusik in dem 2016 eröffneten Theater tanzt. Die Tänzerinnen und Tänzer fühlen sich spürbar wohl auf der Bühne, die ihnen trotz des beeindruckenden Blicks in den riesigen Zuschauerraum ein Gefühl von Aufgehobenheit gibt, wie mir so So-Yeon Kim später mit leuchtenden Augen erzählte. Im Nu hatten sie die weitläufigen Seitenbühnen in bunte Mattenlandschaften verwandelt und warteten konzentriert auf ihre Auftritte. Und am Ende eines langen Tages waren alle hochzufrieden. Wer denkt da noch ans Wetter?

 

> Und hier kommen die versprochenen Eindrücke aus der Chi-Gong Masterclass mit Lee Ching-chun, Associate Artistic Director des Cloud Gate Theater in Taipeh, mit den Tänzer*innen des Ballett am Rhein:

Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll
Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll
Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll
Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll
Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll

 

Halbzeit

Gerade habe ich einen kleinen Technik-Schreck bekommen: verschlüsseltes WLAN im Hotel und auf dem Willkommensschrieb kein Code zu entdecken. Und mit der Verständigung an taiwanischen Rezeptionen habe ich keine besonders großen Erfolge feiern dürfen – bisher. So war ich im ersten Hotel für drei Tage ohne Room-Service, nur weil ich darum gebeten hatte, mein 2 mal 2-Meter-Bett um Gottes Willen nicht täglich frisch zu beziehen... Das ganze Wasser, die ganze Welt... shi,shi (= ja, ja = bla, bla). Jeden Tag habe ich wieder bei der Rezeption vorgesprochen und versucht zu erklären, dass ich nichts gegen geleerte Mülleimer und aufgefüllte Wasservorräte einzuwenden habe – nur das Bett... shi, shi! Den WLAN-Code habe ich aber gerade selbstständig inmitten chinesischer Schriftzeichen entdeckt (man hätte nach dem jüngsten Datenklauskandal drauf kommen können: 0123456789), und hier kommt also unser Tag 8:

Taipeh ist schon wieder Vergangenheit – nach dem Frühstück standen unsere Busse bereit, um uns zur nächsten und letzten Station unseres Gastspiels zu bringen: Taichung. Davor gab es aber noch einen kleinen Ausflug ins National Palace Museum Taipeh, zu dem uns zur Freude aller die Ballettfreunde eingeladen haben. Ein extrem lohnenswerter Abstecher: Auf drei Ebenen präsentiert sich die weltweit größte Sammlung chinesischer Kunstwerke, und es gab für uns trotz der relativ kurzen Aufenthaltszeit von zwei Stunden alles Mögliche zu bestaunen: Skulpturen, Talismane, Keramik, Kalligraphie und extra für mich eine Ausstellung über Vögel in der asiatischen Kunst. Weil sie als besondere Freunde der Menschen schon immer eine große Rolle gespielt haben. Jawohl! Schon die ganze Zeit freue ich mich darauf, morgens nicht vom Straßenlärm sondern vom Frühlingsgezwitscher begrüßt zu werden. Bei geöffnetem Fenster! Uns geht es so gut...

Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll
Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll

Was nicht heißen soll, dass es hier schlecht ist. Ganz anders eben. Und so ist auch das dritte Theater, das wir heute in Taiwan betreten haben, einfach nur zum Staunen schön: Das National Taichung Theater ist „ein fluides Raumkontinuum, das ganz auf dem Tragverhalten von Schaum aufbaut.“ So steht es in unserem Reiseflyer, und so sieht es tatsächlich aus. Gerundete Decken und Gänge lassen im ganzen Gebäude großformatige Höhlenlandschaften entstehen – es macht einfach schon Spaß, hindurch zu gehen. Statt um die Ecke biegt man um die Kurve. Ich bin gespannt auf die Akustik! Unsere Technik-Crew ist seit Montag hier und hat schon fleißig ausgepackt und aufgebaut. Sehr angenehm bei diesem Gastspiel: die Theater in Kaohsiung und Taichung kooperieren eng miteinander, und ein Teil der Bühnentechniker, die hier vor Ort sind, hat schon bei den ersten Vorstellungen in Kaohsiung Erfahrungen mit Martin Schläpfers „7“ gesammelt. Morgen Abend erwarten wir deshalb eine relativ entspannte erste Bühnenprobe mit dem National Taiwan Symphony Orchester unter der Leitung von Wen-Pin Chien. Mal schauen, was seine „7“-Frisur macht...

National Taichung Theatre
Foto: © Monika Doll
National Taichung Theatre
Foto: © Monika Doll

 

Alles fließt

Tag sieben war Tag der Bewegung. Und das in jeder Hinsicht: morgens in Kaohsiung hieß es Abschied nehmen von unserer ersten Spielstätte in Taiwan. Per Magnetschnellbahn ging es mit fast 300 km/h Höchstgeschwindigkeit nach Taipeh. Dort wartete schon einen Shuttlebus, der uns durch den dichten Verkehr eine gute halbe Stunde stadtauswärts brachte, in den Tamsui-District – das Meerbusch Taipehs. Hier ist es nach unseren Maßstäben immer noch SEHR urban, aber auch grün und hügelig, und man blickt auf den großen Tamsui-Fluss. Das ist übrigens nicht nur optisch ein Genuss nach den Tagen in der Smog- und Beton-Tristesse Kaohsiungs, sondern bringt nach altem chinesischen Glauben auch dem Stärke, der den Fluss in seinem Rücken weiß.

Oliver Königsfeld, Remus Şucheană, Lin Hwai-min, Martin Schläpfer und die Compagnie des Balletts am Rhein
Foto: © Monika Doll

Das macht uns Mut für unsere Cross-Culture-Challenge: der Busfahrer kurvt noch einen Hügel hinauf, bevor er uns – den Fluss im Rücken – vor dem Fußweg zum Cloud Gate Dance Theatre (CGDT) in den schönsten Sonnenschein entlässt. Großer Bahnhof für Martin Schläpfer, der gleich von mehreren Kamerateams umringt wird. Sehr, sehr herzlich werden er, Remus Şucheană und die ganze Compagnie von Meister Lin Hwai-min und dessen gesamtem Führungsteam begrüßt. Nach einem köstlichen Mittagsmahl geht es an die Arbeit: der Großteil des Balletts am Rhein nimmt an einem Chi-Gong Meisterkurs teil, gehalten von der phantastischen Lee Ching Chun. Unter die Gruppe haben sich zur Unterstützung Mitglieder des CGT gemischt. Vor der traumhaft grünen Kulisse des ältesten taiwanischen Golfplatzes entdecken unsere Tänzerinnen und Tänzer eine für sie ganz neue Geistes- und Bewegungswelt. Und das sieht vom ersten Moment an so harmonisch fließend aus, dass man als Zuschauer nicht an Anstrengung denkt. Das täuscht...

Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll
Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll

Ihren KollegInnen eine Etage tiefer ergeht es anstrengungsmäßig nicht besser: Während Eduardo Boechat am Flügel einheizt, energetisiert Martin Schläpfer in seiner mitreißenden Art die asiatischen Tänzer beim klassischen Training. Auch er hat ein paar seiner Compagniemitglieder an seiner Seite und lässt nebenher Doris Becker Geschichte schreiben: sie darf sich ab nun die erste Ballerina nennen, die im CGDT auf Spitze getanzt hat. Das kommt im Programm der dortigen Compagnie nämlich nicht vor.

(Tanzfotos aus beiden Meisterkursen gibt es übrigens erst morgen: die müssen noch vom CGDT frei gegeben werden...)

Einen kleinen Einblick in die bewegte Geschichte des CGDT gibt uns nach dem Training einen Dokumentarfilm. Beeindruckend vor allem, wie allein durch private Spenden die heutige Spielstätte gebaut werden konnte, nachdem die langjährige Bleibe im Jahr 2008 durch ein Feuer vollkommen zerstört wurde. Und dass Lin Hwai-min dafür gesorgt hat, dass alle Bäume mit umgezogen sind auf den Hügel in Tamsui-District. Wirklich alle. Auch ein Riesenbaum, für den einen Schwertransport organisiert werden musste. Weil sie dazugehören, zum Theater und zu seiner ganz besonderen Philosophie. Ein toller offener Platz das CGDT. Sollten Sie jemals in Taipeh sein: unbedingt anschauen! Den Fluss im Rücken...

Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll

 

Day off

Tag 6 // Düsseldorf und Duisburg Helau! Während die Karnevalisten unter Ihnen bei den Rosenmontagsumzügen Sturm und Regen trotzten, mussten wir uns heute dick mit Sonnencreme einreiben, um unseren freien Tag in Kaohsiung unbeschadet zu überstehen. Bei feuchtwarmen 29 Grad haben wir uns nach dem Frühstück in alle Himmelsrichtungen verstreut und endlich ausgiebig die Stadt und die Umgebung erkundet. Nur die Meister und unsere Pianisten hatten nicht ganz frei - sie haben für Studierende der Dance High School und junge Ballettschüler*innen Masterclasses abgehalten.

Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll
Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll

Morgen früh geht die Reise weiter: Mit der Magnetschnellbahn fahren wir in rasanten 1,5 Stunden die etwa 350 Kilometer vom Süden der Insel bis in den Norden nach Taipeh. Dort erwartet uns ein Programmpunkt, auf den sich alle ganz besonders freuen: Ballett am Rhein meets Cloud Gate Dance Compagnie! Und während Martin Schläpfer den Tänzerinnen und Tänzern der weltbekannten Truppe eine Masterclass gibt, lernen unsere Compagniemitglieder in einem Workshop Qui Gong kennen...

Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll
Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll

 

Jubel, Tetris, Gastfreundschaft

Tag 5 beginnt gleich wieder mit einem Geschenk: Produktionsleiter Jack Kuo führt unsere technische Koordinatorin Barbara Stute und mich durch die Backstage-Bereiche der vier unter einem Dach vereinten Bühnen des NPAC. Sie sind durch ein verzweigtes System von Gängen miteinander verbunden und erschließen sich erstaunlicherweise leichter als erwartet, denn sie sind einem konsequenten Farbsystem zugeordnet, das sich bis in die Farbe der Polster fortsetzt: Oper rot, Theater blau, Konzertsaal gelb.

Bei jedem Schritt merkt man, wie viel Expertise in diesem Haus steckt: Geräuschlose Klimaanlagen, schallgedämmte Zonen in den Übergängen der beiden Ladebereiche, flexible Bestuhlung, Barrierefreiheit im ganzen Areal, endlos Platz hinter den Bühnen, ein Probensaal in Bühnengröße und 1000 andere Träume sind hier Wirklichkeit geworden. In der Optik orientiert sich das Kulturzentrum an den natürlichen Bedürfnissen der Nutzer: regelmäßig durchbrechen Fenster die dicke Stahlhülle, lassen Tageslicht herein und geben Orientierung und Durchblick. Akustisch sind die Bereiche der Bühnen so klug von den Foyers getrennt, dass selbst während der Vorstellungen im ganzen Theater buntes Treiben herrschen kann, ohne dass es jemanden beeinträchtigt. Und es herrscht buntes Treiben! Es ist Sonntag, und Mann und Maus stiefeln durch die geschwungenen Gänge, schauen sich um, üben an einer Art PlayStation das Dirigieren oder schauen sich die Ausstellung über Theaterbauten an.

Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll
Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll

Am Ende der Tour durch die großen Säle kommen wir bei der Studiobühne an, die für Lesungen, Liedvorträge und kammermusikalische Darbietungen konzipiert wurde. Und entdecken schon wieder was: Die Wände bestehen aus drehbaren Holzelementen, die sich auf die akustischen Bedürfnisse der jeweiligen Veranstaltung anpassen lassen: perforiert, um Lautes zu absorbieren, glatt, um leise Töne zu reflektieren.

Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll
Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll

Unsere heutige Ballettvorstellung beginnt schon um 14:30 Uhr. Alle sind hochmotiviert am Start, und das Publikum dankt es abermals mit überbordendem Applaus. Kaum ist der Vorhang gefallen, beginnt das große Packen. Wer – wie ich – Kofferpacken schon als Belastungstest empfindet, wird beim Bühnenbild-Tetris sehr, sehr demütig. Uii! Drei LKW stehen bereit für Berge von Material. Was man halt so braucht: Tanzteppich, Beleuchtungstürme, die riesigen Plexiglasteile vom Bühnenbild, Gassenwände und Rollkisten über Rollkisten, gefüllt mit Technikutensilien, Yogamatten, Kostümen, Make-up und so weiter. Gegen 20.00 Uhr ist alles verstaut und das Gepäck auf dem Weg nach Taichung, unserer nächsten Station. Und von den aufmerksamen Gastgebern gibt es für alle fleißigen Einpacker eisgekühltes Taiwan-Bier zum Feierabend. Auch eine Seltenheit. Gān bei!

Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll

 

Imagine all the people

Tag 4 // Premierentag ist Adrenalintag. In jeder Hinsicht, für fast jeden Beteiligten. Der heutige fing mit der spannenden Frage an, ob wohl die Bühnenmaschinerie wieder funktioniert, die sich gestern spontan verabschiedet hatte. Das kennen wir doch irgendwoher, dafür hätten wir nicht so weit reisen müssen… Aber: alles richtig gemacht. Die Fernwartung aus Belgien hat sich über Nacht aufgeschaltet und den Fehler rasch gefunden: im Orchestergraben hatte wohl jemand versehentlich den Not-Aus-Schalter betätigt und damit das Haus kurzfristig lahmgelegt.

Heute Mittag bei der Generalprobe aber lief alles wieder wie am Schnürchen. Dann kurz ins Hotel und schon wieder rüber ins Theater – um 19.30 Uhr öffnete sich der Vorhang für unsere Asien-Premiere: Martin Schläpfers „ 7“ zu Gustav Mahlers siebter Sinfonie. Das war dann doch sehr aufregend. Wird der riesige Saal voll? Wird es den Leuten hier gefallen? Mahler selbst hat seine siebte Sinfonie einmal als Weltensinfonie bezeichnet. Wenn er heute Abend heimlich gelauscht hat, wird er sich sehr bestätigt und sehr glücklich gefühlt haben: Wen-Pin Chiens großartige Interpretation mit dem Taipeh Symphony Orchestra und eine allerbestens aufgelegte Ballettcompagnie haben die während der Vorstellung sehr stillen und disziplinierten Zuschauer zum ausgelassensten Applaus hingerissen, den man sich überhaupt nur wünschen kann. Danke, Kaohsiung – das hat uns allen die letzten Reisewehwehchen aus den Knochen gepustet.

Premierenapplaus in Kaohsiung
Foto: © Monika Doll
Wen-Pin Chien hatte sich als Glücksbringer den Stücktitel einrasiert
Foto: © Monika Doll

Gar nicht zu reden von der Premierenfeier, die unsere Gastgeber auf die Beine gestellt haben: alle Köstlichkeiten Asiens vereint in einem unglaublichen Buffet, das zum Essen eigentlich viel, viel zu schön aussah. Und das Gute-Laune-Sahnehäubchen servierte uns zu allen anderen Glücksmomenten Elisa aus dem Orga-Team des Kaohsiung-Theaters, die unter anderem unseren Shuttleservice betreut. Keine Ahnung wie sie es geschafft hat, den recht einsilbigen Busfahrer zu überzeugen, aber er hat's getan: Er hat auf der Rückfahrt die Karaoke Anlage angeschmissen und mit uns etliche Extrarunden durch das nächtliche Kaohsiung gedreht. So klang dieser ohnehin schon sehr schöne Tag 4 unseres Gastspiels fröhlich mit Musikvideos aus, in denen Asiatinnen in knappen roten Kleidern gemeinsam mit sehnsuchtsvoll in die Ferne schauenden jungen Schnöseln uns extrem erfolgreich dazu animieren konnten, im großen gemischten Chor Dinge zu singen wie (und jetzt alle!) „Imagine all the People..."

Wen-Pin Chien überreicht Christoph Meyer ein Modell des National Kaohsiung Center of Performing Arts Weiwuying
Foto: © Monika Doll
Christoph Meyer, Martin Schläpfer, Wen-Pin Chien
Foto: © Monika Doll
Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll
Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll

 

Riesentheater und Äpfelbirnen

Tag 3 // Heute mussten sich alle erstmal ein bisschen einruckeln. Die Tänzerinnen und Tänzer mit ihren vom langen Sitzen und der Zeitumstellung gestressten Körpern, die Ballettmeister in den neuen Räumlichkeiten, unsere Inspizientin Florine Roques-Rogery am krachneuen Inspizientenpult, und selbst der Busfahrer hatte sich unabgesprochen dem allgemeinen Geruckel angeschlossen. Das National Kaohsiung Center for the Arts hat jedoch mit seinem großformatigen Charme schon beim bloßen Anblick alle für sich eingenommen. Das ganze Theater habe ja eine Fläche wie in Düsseldorf der Weg von der Oper bis zum Balletthaus, lautete sogleich die erste gewagte These. Naja, sagen wir von der Oper bis zum Schauspielhaus inklusive. Das kommt hin.

Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll 

Das NPAC ist einfach riesig. Es wurde erst im letzten Oktober eröffnet, und vereint unter seinem geschwungenen Dach ein Opernhaus mit 2260 Plätzen eine Konzerthalle mit 2000 Plätzen, einen Saal mit 1250 Sitzen sowie einen weiteren mit 470 Plätzen und eine Freilichtbühne. Und in dem großen Konzertsaal steht die größte Konzertorgel Asiens. Und ich weiß, dass man Äpfel niemals mit Birnen vergleichen sollte, dazu später mehr. Sehr, sehr traumhaft auch die Studios in unserem Gasttheater, in denen die erste Class stattfindet: tanzen unter Palmen, wer möchte das nicht?

Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll

Zur Bühnenprobe begrüßt uns Generalintendant Christoph Meyer, der extra zur morgigen ersten Vorstellung des Balletts angereist ist. Dann heißt Wen-Pin Chien das Taipeh Symphony Orchestra willkommen, das unsere Compagnie bei den Vorstellungen in Kaohsiung begleiten wird. Die Tänzerinnen und Tänzer schließlich begrüßt er mit den Worten: „Ihr seid die erste Ballettcompagnie, die in diesem Hause tanzt.“ Nicht schlecht. Zu allem auch noch eine Premierepremiere in Taiwan! Heute ist offenbar Tag der Gigantomanie.

Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll
Ballettgastspiel Taiwan
Foto: © Monika Doll

Ich entdecke dann später aber auch noch etwas sehr kleines Neues im großen neuen Theater. Kleine Früchte, die uns unsere aufmerksamen Gastgeber auf den Erfrischungstisch gestellt haben. Ich finde, sie sehen aus wie eine gelungene Mischung aus Äpfeln und Birnen und frage mutig bei einer der taiwanischen Kolleginnen nach. Das seien Waxed Apples, was mich jedoch keineswegs zu der Annahme verleiten sollte, es handele sich um gewachste Äpfel. Es seien vielmehr sehr typische sehr, sehr leckere Früchte aus der Region, die auch nur um diese Jahreszeit an den Bäumen hingen. Frisch hineingebissen und prompt belohnt: sehr, sehr lecker diese ungewachsten gewachsten Äpfelbirnen, die sich tatsächlich weder mit Äpfeln noch mit Birnen vergleichen lassen. 

 

Frankfurt 2 und Hongkong gelb

Tag 1 & 2 // Ballettgastspiel fängt immer auch ein bisschen an wie Klassenfahrt. Sind alle zur rechten Zeit am rechten Ort? Haben alle an ihre Reisepässe gedacht? Dazu das fröhliche multinationale Geschnatter, das irgendwann auch den Zugbegleiter in der Ruhezone des ICE kapitulieren lässt.

Abfahrt Düsseldorf Hauptbahnhof
Foto: © Monika Doll

Am 27. Februar um 9:20 Uhr verlässt unser Zug pünktlich und mit allen Mann und Frau samt zugehöriger Pässe Düsseldorf Richtung Frankfurter Flughafen. Von dort geht es in etwa elf Stunden Direktflug nach Hongkong und dann weiter nach Kaohsiung, Taiwan, dem ersten Ziel unseres Gastspiels.
Das Mantra der Reiseleitung lautet: „Frankfurt 2 und Hongkong gelb“ und wird dankbar nachgebetet. Gemeint sind die Abflugbereiche, um Details kann man sich später kümmern. Die Reiseleitung, das ist unser Dramaturg und ehemaliger Tänzer Alban Pinet. Er kennt sich aus mit Gastspielreisen und mit der Compagnie, und deshalb klappt auch alles trotz eines kleinen ersten Schrecks beim Check-In in Frankfurt fast wie von selbst.

Für unsere brasilianischen Mitreisenden ist nämlich in Hongkong erst mal Schluss. Für Taiwan wäre ein spezielles Visum erforderlich gewesen, was bei den taiwanischen Kollegen trotz langer und akribischer Vorbereitung niemand bemerkt hat. Die beweisen jetzt umso mehr ihr riesiges Organisationstalent und ihren unermüdlichen Einsatz und lassen die taiwanisch-deutschen Zahnrädchen perfekt ineinander greifen. Während wir im Flugzeug sitzen, stellt Ballettbetriebsdirektor Oliver Königsfeld, der schon in Kaohsiung ist, im Teamwork mit dem Balletthaus in Düsseldorf rasch die benötigten Papiere aus und lässt sie in der Botschaft unterschreiben. Dann wird eine Mitarbeiterin des Center auf Performing Arts per Flugzeug nach Hongkong geschickt. Den gebuchten Weiterflug nach Kaohsiung schaffen die fünf BrasilianerInnen nicht, bekommen dafür aber ein Sightseeing in Hongkong und den nächsten Flieger am Nachmittag. Wir sind wieder komplett!

Lin Hwai-min, Martin Schläpfer, Wen-Pin Chien
Lin Hwai-min, Martin Schläpfer, Wen-Pin Chien
Foto: © Monika Doll

Nach ziemlich vielen, ziemlich schlaflosen Stunden geht es für Martin Schläpfer auch schon zur ersten Veranstaltung im National Kaohsiung Center of Performing Arts Weiwuying. Dort trifft er keinen Geringeren als Lin Hwai-min, den Gründer (1973) und seither alleinigen Direktor des weltbekannten Cloud Gate Dance Theatre. Moderiert wird das Podiumsgespräch von Wen-Pin Chien, unserem Dirigenten, der gleichzeitig Intendant des National Kaohsiung Center of Performing Arts ist. Kleiner Wermutstropfen für mich als Vertreterin der europäischen Minderheit im Saal: die Veranstaltung wird auf Mandarin gehalten, not in English... Jetzt bloß nicht im bequemen Theatersessel versinken und den Kopf anlehnen, lieber Martin Schläpfer zuschauen, der komplett jetlagged zwischen drei Taiwanern sitzt und konzentriert lächelt. Bemerkenswert vor allem die Dame, die direkt hinter ihm sitzt, mit dem Kopf nur ein wenig über seiner linken Schulter: die Dolmetscherin. Ohne Unterlass dolmetscht sie in sein linkes Ohr, während rechts von ihm Lin Hwai-min einiges zu berichten weiß und links von ihm sich Wen-Pin Chien in einen eloquenten Talkmaster verwandelt hat. Wow!

Dann wird der mandarinische Redefluss durch die Einblendung des Trailers zu Martin Schläpfers Ballett „7“ zum Stillstand gebracht, das Stück, das von den Tänzer*innen des Balletts am Rhein auf dieser Bühne in zwei Tagen zum ersten Mal präsentiert werden wird. Und ich fühle so genau wie nie zuvor, was es bedeutet, wenn von der Universalität der Tanzsprache die Rede ist, davon, dass sie keine Sprachbarrieren kennt. Sie funktioniert auch hier, sogar mit sieben (!) Stunden Zeitverschiebung. Ich fühle mich kurz zu Hause, und der Rest des Auditoriums darf im Gegenzug kurz etwas vermutlich Exotisches bestaunen und applaudiert spontan begeistert.

Eineinhalb Stunden diesen sehr fremden Sprachklängen zu lauschen, nichts zu verstehen, ab und zu mal in Verbindung mit Körpersprache und Heiterkeitsausbrüchen im Publikum – vielleicht – vermuten, dass Wen-Pin gesagt und gezeigt haben könnte, dass man so ja nicht Mahler dirigieren kann (Gelächter)... Vielleicht hat er aber auch etwas ganz anderes erzählt. Ich bin raus. Martin Schläpfer kriegt die Pointen immerhin zeitversetzt ins linke Ohr geflüstert. Und lächelt freundlich und konzentriert. 

Gar nichts verstehe ich natürlich nicht. Martin Schläpfers englische Erläuterungen, bevor sie verdolmetscht ins Auditorium gehen, verstehe ich. Zum Beispiel, was er persönlich und im Namen der Compagnie sagt: „Es ist uns eine große Freude und Ehre!“

National Kaohsiung Center for the Arts Weiwuying
Foto: © Monika Doll

 

 

Mit Martin Schläpfers Choreographie „7“ zu Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 7 e-Moll folgt die preisgekrönte Compagnie vom 2. bis zum 10. März einer Einladung nach Taiwan. Die erste Station macht das Ballett am Rhein im National Kaohsiung Center for the Arts Weiwuying, dem weltweit größten Zentrum für darstellende Künste, das erst vor wenigen Monaten eröffnet wurde. Danach führt die Reise nach Taichung in das ebenfalls hochmoderne National Taichung Theatre. Musikalisch begleitet wird die Compagnie vom Taipei Symphony Orchestra unter der Leitung von Wen-Pin Chien. „7“ ist eines der meist gefragten Stücke aus dem Repertoire des Balletts am Rhein: Es war unter anderem bereits in Moskau, München, Edinburgh und Bilbao zu erleben.

Der Terminplan für das Ballett am Rhein und seinen Chef-Choreographen ist bei ihrem Gastspiel in Taiwan eng getaktet: Neben vier Vorstellungen in zwei der modernsten Spielstätten der Welt und den dazu gehörigen Trainings und Proben stehen für die Compagnie eine Masterclass und ein Workshop mit dem international renommierten Cloud Gate Dance Theater in Taipeh auf dem Programm. Auch eine Podiumsdiskussion zwischen Martin Schläpfer und Lin Hwai-min, der 1973 das Cloud Gate Dance Theater als erstes modernes Ballett in Taiwan gründete und es bis heute leitet, ist Teil des Programms. Ein absoluter Glücksfall in Sachen Timing, zieht sich der charismatische Gründer der weltweit für ihre gelungene Mischung aus Ballett, Tai-Chi, Martial Arts und fernöstlicher Poesie gefeierten Compagnie zum Ende des Jahres aus deren Leitung zurück.

Martin Schläpfers Stücke indes sind geprägt von dessen kontinuierlicher Weiterentwicklung klassischer Ballettformen und seinem schier unerschöpflichen Erfindungsreichtum. Für sein Ballett auf Mahlers 7. Sinfonie folgte Schläpfer einer seit vielen Jahren immer weiter entwickelten Dramaturgie der collagenhaften Verknüpfung verschiedener Bilder. Wie ein roter Faden zieht sich durch „7“ die Suche nach Heimat, ein Thema, das auch mit der Geschichte Taiwans eng verknüpft ist und große Aktualität besitzt.

„7“ im National Kaohsiung Center for the Arts Weiwuying

www.npac-weiwuying.org: Sa 02.03., 19.30 Uhr | So 03.03., 14.30 Uhr

„7“ im National Taichung Theatre (NTT)

www.npac-ntt.org: Sa 09.03., 14.30 Uhr | So 10.03., 14.30 Uhr