In der Kantine mit Anke Krabbe und Heidi Elisabeth Meier: Dramaturg Bernhard F. Loges traf die beiden Solistinnen unseres Ensembles in der Kantine des Düsseldorfer Opernhaus.

 

 Foto: (c) Susanne Diesner
 

Es ist ein sonniger Frühherbsttag in der neuen Opernkantine. Nachdem der Inhaber gewechselt hat, wird sich in Bälde auch das Mobiliar ändern, aber bis dahin nehmen wir noch auf den alten Stühlen Platz. Der erste Kaffee macht jedenfalls einen guten Eindruck.

Schon bei der Begrüßung zwischen Anke Krabbe und Heidi Elisabeth Meier wird deutlich, dass man es hier nicht mit dem üblichen Klischee zweier Diven zu tun hat. Man unterhält sich über das letzte Tonhallenkonzert, den Tag der off enen Tür in Duisburg – und über Sommerkleider. Ohnehin reden beide viel lieber über Privates, wenn sie sich treffen, als über die Arbeit. Anke Krabbe und Heidi Elisabeth Meier können sich gut leiden. Das mag erstaunen, da beide Sopranistinnen dasselbe Fach singen, aber Konkurrenz ist hier kein Thema – sondern Sympathie und konstruktive Zusammenarbeit. Ein Beispiel: Anke Krabbe debütierte in der letzten Spielzeit als Frau Fluth in Nicolais „Die lustigen Weiber von  Windsor“, am 11. November 2016 singt Heidi Elisabeth Meier die Rolle zum ersten Mal. Sie findet: „Wenn am Haus eine Kollegin das gleiche Fach singt, wünscht man sich doch nicht, dass sie schlecht ist. Vielleicht singt sie die Rolle anders, aber beide sollten ihre Sache auf ihre Weise gut machen, sonst wäre das Haus ja auch seltsam aufgestellt. Natürlich gibt es charakterliche – und auch stimmliche – Unterschiede, aber  man sollte auch anerkennen, wenn die andere ihre Sache gut macht.“ Außerdem ist es tröstlich, dass eine für die andere einspringen kann, sollte sich erstere eine Grippe oder dergleichen einfangen.

KRAFTVOLLE CHARAKTERE

 

Heidi Elisabeth Meier freut sich auf ihr Debüt: „‚Die lustigen Weiber‘ werden wie viele deutsche Spielopern viel zu selten gespielt, daher ist es eine einmalige Chance, die Partie zu singen.“ Man solle das Stück aber nicht unterschätzen: Hinter der schönen Musik lauere das Klischee von Spießigkeit. Nicht in eine heimatfilmähnliche Betulichkeit abzurutschen, ist eine Herausforderung. Man muss das Stück ernst nehmen. Jede Rolle ist vielschichtig, hat Untiefen, die herauszuarbeiten spannend ist. Was treibt die Figur an, so zu handeln? Frau Fluth beispielsweise hat mehr stimmliches Gewicht in der Mittellage, ist sehr handfest, ist die Zupackende, Entscheidende, die treibende Kraft hinter der Handlung. Sowohl für Anke Krabbe als auch für ihre Fachkollegin ist es sehr reizvoll solche Partien mit einer gewissen Lebensreife zu singen. Und der Austausch ist hier sehr bereichernd: „Wenn man Schwierigkeiten mit etwas hat, stellt man dann unter Umständen fest, dass man damit nicht allein ist.“

Fotos: (c) Susanne Diesner
 

Einig sind sich die beiden Sängerinnen auch in der Vorgehensweise beim Erlernen neuer Partien. Man müsse sich den Notentext zunächst einmal selbst erschließen, bevor Aufnahmen herangezogen werden. Anke Krabbe meint: „Wenn man zu früh CDs hört, hat man den betreffenden Sänger schnell im Ohr.“  Ohne denjenigen imitieren zu wollen, übernehme man automatisch Gestaltungscharakteristika. Erst wenn man sich selbst eine genaue Vorstellung von der Rolle erarbeitet hat, kann man sich Anregungen holen,  die andere Sänger z.B. mit Kadenzen und Verzierungen umgehen.

URAUFFÜHRUNGEN UND KINDEROPERN

 

Beide Sängerinnen singen auch immer wieder Uraufführungen. 2015 waren sie in der Familienoper „Ronja Räubertochter“ von Jörn Arnecke für die Rolle des Birk Borkassohn alternierend besetzt. Eine sogenannte Hosenrolle zu singen, ist für Soprane eher ungewohnt. Mezzosoprane werden häufiger mit der Notwendigkeit konfrontiert, die eigene Weiblichkeit zurückschrauben und männliche Bewegungsabläufe annehmen zu müssen; allein durch die tiefere Stimme bieten sich solche Besetzungen eher an. Im Sopranfach gibt es nur einige wenige „Crossdressing“-Partien wie den kleinen Oscar in Verdis „Un ballo in maschera“. „Aber das geht schon“, so Heidi Elisabeth Meier, „man muss sich halt den Hüftschwung abgewöhnen, das Becken anders kippen und bewusster über die Bewegungen nachdenken“. Wie sehr die beiden Sängerinnen miteinander mitfiebern zeigt sich in einer kleinen Anekdote zu „Ronja Räubertochter“: In einer Vorstellung hatte Anke Krabbe an einer musikalisch besonders anspruchsvollen Stelle einen kleinen Textdreher – wir sind Menschen, das kommt vor – , hat sich aber schnell wieder gefangen. Heidi Elisabeth Meier war im Publikum. Als diese nun in der nächsten Vorstellung sang und die verflixte Stelle nahte, dachte sie an die Kollegin – und versang sich selbst. Beide lachen herzlich, wenn sie sich jetzt an diese Schreckmomente erinnern. Für die „Stimmpflege zwischendurch“ empfehlen sie übrigens die Pamina in Mozarts „Zauberflöte“: „Mozart als Puffer zwischen zwei anderen Partien geht  immer“, so Anke Krabbe.

BERUF UND PRIVATLEBEN

 

Bei allem Herzblut und aller Energie, die man in diese Arbeit steckt, wollen sie jedoch beides im Theater  lassen und nicht mit ins Privatleben nehmen. Heidi Elisabeth Meier: „Wenn man ein paar Jahre dabei ist, weiß man, dass Menschen in szenischen Proben sehr unterschiedlich reagieren. Damit muss man sich  nicht zu sehr belasten, denn das gehört zum Findungsprozess. Natürlich gibt es auch Konflikte, die muss  man besprechen, als Reinigung, damit sie einem nicht die Kreativität nehmen.“ Anke Krabbe ergänzt:  „Man weiß: Proben sind zum Probieren da und evtl. ist alles noch einmal ganz anders, sobald die  Produktion vom Probenzentrum auf die große Bühne kommt.“ Gut, wenn man da hin und wieder Abstand  gewinnen kann. Obgleich die erforderliche Lebensführung auch zu Hause oft auf Kritik stößt. Anke Krabbes kleine Tochter meint wiederholt: „Kannst du nicht mal was Vernünftiges arbeiten, wo du auch am Wochenende zu Hause bist?!“ Ja, terminlich gesehen ist der Sängerberuf nicht gerade familienfreundlich. Silvester- und Neujahrskonzerte, zu Weihnachten „Hänsel und Gretel“ – immer, wenn andere feiern, steht  an selbst auf der Bühne. Und natürlich die Probenzeiten von 10 bis 18 oder auch mal bis 22 Uhr. Anke Krabbe steht wegen des Schulalltags ihrer Tochter jeden Tag um 6.30 Uhr auf. Wer hat da noch  Energie, das Klischee der Diva zu erfüllen? Mit Klischees wollen die beiden aber ohnehin aufräumen. Krabbe: „Es steht die Arbeit am Stück im Mittelpunkt und nicht das divöse Verhalten der SängerInnen.“ –  Darauf einen Kaffee!

 

Anke Krabbe und Heidi Elisabeth Meier

Die beiden Sopranistinnen erleben Sie in dieser Spielzeit u. a. als Frau Fluth in Otto Nicolais „Die lustigen Weiber von Windsor“.

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Foto: (c) Susanne Diesner

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